Hospital zum Heiligen Geist

Schatten auf der Lunge - Die Angst vor Lungenkrebs

Häufig sind es zufällige Befunde im normalen Röntgenbild der Lunge, z. B. vor einer geplanten Operation, die den Radiologen veranlassen, weitere diagnostische Schritte anzuraten: „Sie haben da einen Schatten auf der Lunge. Wir müssen da noch mal weiter untersuchen“. Manchmal ist es auch der chronische Husten, der nicht verschwinden will, der alles in Gang bringt. Spätestens jetzt fühlen sich viele Patienten im wahrsten Sinne überrollt. Schatten auf der Lunge = Lungenkrebs = Tod? Das ist der Gedanke, den die meisten Patienten sofort haben. Insbesondere Raucher. Dass das Rauchen das Risiko für Lungenkrebs erhöht, ist hinlänglich bekannt. In Zahlen: Der männliche Raucher hat im Vergleich zum Nichtraucher ein 24-fach erhöhtes Risiko und der weibliche Raucher ein 8,7-fach erhöhtes Risiko an Lungenkrebs zu erkranken.

Ein Mann raucht eine Zigarette.

Im Gegensatz zu anderen Tumorerkrankungen kommt jetzt aufgrund der Eigenverantwortung im hohen Maße schuldbehaftete Angst zum Tragen. Und Angst vor den Vorwürfen der Familie: „Ich habe es dir ja immer gesagt“. Nicht nur der Patient, auch seine Familie ist nunmehr „erkrankt“. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt häufig der Erstkontakt zwischen dem Patienten mit seiner Familie und den Klinikärzten. Hier müssen wir den Patienten und seine Angehörigen mitnehmen, ernst nehmen und sie in Bezug auf die vorliegenden Befunde über die weiteren diagnostischen Schritte und deren Sinnhaftigkeit aufklären. Unterstützung erhalten wir durch unsere Kollegen der Psychoonkologie. Wie bei jeder anderen Erkrankung gilt: Vor der Therapie und der Prognose ist die Diagnose zu stellen. Denn nicht jeder Herd in der Lunge ist ein Lungenkrebs. Einschmelzende Lungenentzündungen können im Röntgenbild mit einem Lungenkrebs verwechselt werden. Rheumatologische Erkrankungen haben nicht selten mehrere Herde in der Lunge. Die Sarkoidose, als systemische also den ganzen Körper betreffende Erkrankung, manifestiert sich zu 80 Prozent in der Lunge. Die Tuberkulose kann wie ein Lungenkrebs aussehen, macht zudem ähnliche Beschwerden wie Husten, ungewollte Gewichtsabnahme und Nachtschweiß. Absiedlungen, Metastasen anderer Tumoren z. B. bei Nierentumoren, unterem Dickdarm- Krebs, Brustkrebs etc. können vor Kenntnis der eigentlichen Grunderkrankung bereits in der Lunge auffällig werden. Selten gibt es zudem gutartige Tumoren der Lunge, die meist keiner Therapie bedürfen. Das heißt, die möglichen resultierenden Therapien sind entsprechend vielfältig: Antibiotische Therapie, Kortisontherapie, Immuntherapien, Chemotherapie, Operationen etc.

Um die Diagnose zu sichern, stehen uns zahlreiche Methoden zur Verfügung. Allen voran modernste endoskopische Verfahren. Mithilfe der modernen hochauflösenden Lungenspiegelung, Bronchoskopie, können wir Gewebeproben von auffälligen Befunden der Lungen mithilfe kleiner Zangen, die nur 2 mm groß sind, entnehmen und von den Pathologen feingeweblich begutachten lassen. Die Pathologen erkennen dabei die genaue Tumorart und mit differenzierten Verfahren können sie auf die Tumorbiologie, die Tumoroberfläche und sogar auf genetische Besonderheiten schließen. Wird die Lunge mit einer Kochsalzlösung gespült, BAL (bronchoalveoläre Lavage), können aus dem Mengenverhältnis der gewonnenen unterschiedlichen Zellreihen Hinweise für seltene Erkrankungen gewonnen werden. Die BAL ist z. B. sehr hilfreich bei der Diagnose der Sarkoidose. Bei Infekten erlaubt die mikrobiologische Aufarbeitung eine gezielte antibiotische Therapie.

Lungenfakten

  • 8 bis 10 Prozent aller Menschen entwickeln Lungenmetastasen
  • 30 Prozent an Krebs Erkrankter entwickeln Lungenmetastasen
  • Geschätzt 59.900 neue Lungenkrebserkrankungen in Deutschland im Jahr 2020
  • Lungenkrebs: zweithäufigster Tumor bei Männern, dritthäufigster Tumor bei Frauen
  • 85 Prozent aller Lungenkrebstodesfälle in der EU sind auf das Rauchen zurückzuführen

Zur Beurteilung der Ausbreitung einer Tumorerkrankung ist es häufig notwendig, vergrößerte Lymphknoten genau zu untersuchen. Hierbei ist zu klären, ob die Lymphknoten eher reaktiv entzündlich verändert sind, oder ob Tumorzellen in den Lymphknoten gestreut haben. Lymphknoten der Lunge können wir gezielt mit einem speziellen Endoskop, dem EBUS (endobronchialer Ultraschall), eben unter Ultraschallkontrolle mit einer kleinen Nadel, punktieren. Diese Proben werden ebenfalls von den Pathologen feingeweblich begutachtet. Da die jeweiligen Endoskope, Bronchoskop und EBUS nur einen Außendurchmesser von 6 bzw. 6,9 mm haben, können wir die Untersuchung über die Nase oder den Mund durchführen. Wie bei einer Magenoder Darmspiegelung reicht es in den allermeisten Fällen, die Untersuchung mit einem kurzwirksamen Schlafmittel durchzuführen, eine Vollnarkose ist nicht notwendig. Wenn beide endoskopische Verfahren benötigt werden, so bieten wir diese in einer Sitzung an.

85 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen sind auf das Rauchen zurückzuführen

Können die Herde der Lunge endoskopisch nicht erreicht werden oder finden sich metastasenverdächtige Herde außerhalb der Lunge, so besteht die Möglichkeit der ultraschallgesteuerten oder CT (Computertomografie) gesteuerten Punktion von außen durch die Haut. Dies erfolgt nach lokaler Betäubung des entsprechenden Hautareals, wenn nötig auch mithilfe kurzwirksamer Schlafmittel.

Besteht der hochgradige Verdacht, dass ein Lungenkarzinom vorliegt, werden die Ergebnisse der feingeweblichen Untersuchung durch den Pathologen entscheidend sein. Um Zeitverzögerungen zu vermeiden und die für den Patienten quälend lange Wartezeit sinnvoll zu nutzen, werden bereits parallel die notwendigen weiterführenden Untersuchungen durchgeführt. Mit Ultraschall, radiologischer Computertomografie (CT), Kernspintomografie (MRT) und häufig auch der Skelettszintigrafie wird der „ganze Mensch“ untersucht. Im Anschluss muss bei speziellen Fragen nach der Tumorausdehnung und Verteilung ein PET-CT, eine Kombination einer nuklearmedizinischen Diagnostik mit dem Computertomogramm, ambulant durchgeführt werden.

Abhängig von dem nachgewiesenen Verteilungsmuster, dem Stadium der Erkrankung, wird eine lokale oder eine systemische Therapie, die im gesamten Körper wirkt, empfohlen. Das Stadium wird durch drei verschiedene Aspekte definiert. Diese sind die Tumorgröße, der Tumorbefall naher und ferner Lymphknoten und der Befall anderer Organe. Bedauerlicherweise neigt der Lungenkrebs dazu, Metastasen im Körper zu streuen. Wenn wir den Lungenkrebs dennoch in einem frühen Stadium erkennen, so kann man diesen mit dem Ziel einer dauerhaften Heilung operieren. Hier arbeiten wir sehr eng mit der Klinik für Thoraxchirurgie des Krankenhauses Nordwest zusammen. Vor einer möglichen Operation ist zu klären, ob der Patient nach dem operativen gewollten Verlust eines Teiles der Lunge anschließend weiter beschwerdefrei oder beschwerdearm leben kann. Ein sonst lungengesunder Mensch kann ohne Weiteres auf einen seiner zwei Lungenflügel verzichten. Zeigt sich ein fortgeschrittenes Stadium, so ist eine Systemtherapie angeraten. Diese wird nicht selten gleichzeitig oder in zeitlicher Abfolge mit der lokal wirkenden Strahlentherapie kombiniert. Hier besteht die enge Kooperation mit der Radioonkologie des Krankenhauses Nordwest.

Noch vor etwa 15-20 Jahren konnten wir den Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom nur wenige Chemotherapien anbieten. Sehr zum Vorteil der Patienten hat aber eine dramatische Dynamik in der Entwicklung neuer Therapien zu völlig neuen Therapieansätzen, insbesondere  der personalisierten Therapie, geführt. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Dazu werden die Tumorproben aufbereitet und auf genetische Veränderungen, Mutationen, untersucht. Finden sich sogenannte Treibermutationen, so ist eine hoch spezialisierte, effektive Therapie meist in Tablettenform möglich. Ebenfalls werden die Oberflächenstrukturen der Zellen betrachtet. Hier besteht der Ansatz für eine Immuntherapie, welche es der körpereigenen Abwehr ermöglicht, sehr effektiv gegen den Tumor anzukämpfen. In unseren regelmäßigen interdisziplinären Tumorkonferenzen wird jeder Patient mit seiner Erkrankung besprochen und die Therapieempfehlung festgelegt.

Hochspezialisierte, effektive Therapie möglich

Nach der initialen Diagnostik durch unsere Klinik können wir die Patienten in ambulante Behandlung durch die onkologische Ambulanz im Hospital zum Heiligen Geist übergeben. In enger Abstimmung werden die Patienten gemeinsam weiterbetreut. Aus der Tumorerkrankung resultierende Probleme können dann wieder von uns unter stationären Bedingungen behandelt werden. Ggf. notwendige Tumorabtragungen in den Lungenwegen, der Einsatz von Stents zum Offenhalten der Atemwege oder der Einbau dauerhafter Schlauchsysteme (Drainagen) zum Ablassen von die Lunge umgebender Flüssigkeit (Pleuraerguss) führen wir aus.

Zusammenfassend: Es ist erforderlich, bei Verdacht auf ein Lungenkarzinom eine umfangreiche Diagnostik einzuleiten. Bei gesicherter Krebsdiagnose erfolgt die Therapie entsprechend dem Stadium und den feingeweblichen Befunden der Erkrankung. Auch in den fortgeschrittenen Stadien können wir aktuelle, moderne, personalisierte Therapien anbieten. Hier stellen wir selbstverständlich den Patienten in seiner schwierigen Lebenslage und mit seinen individuellen Bedürfnissen in den Mittelpunkt unserer Bemühungen.

Oberarzt

Dr. med. Karsten Perbandt

Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Zusatzbezeichnung Internistische Intensivmedizin und Medikamentöse Tumortherapie

Telefon
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E-Mailnicolai.blanche(at)hohg(dot)de