Krankenhaus Nordwest

„Diagnose Krebs ... und wohin mit meinen Gedanken?“

Kreatives und heilsames Schreiben – Ein neues Angebot der Klinik für Onkologie

Ein Mann schreibt in ein Buch.

DIE STIFTUNG:

Frau Professor Jäger, in Ihrer Klinik können Patienten neben sporttherapeutischen auch kunst- und musiktherapeutische Angebote wahrnehmen. Auch die Möglichkeit tiergestützter Therapie gibt es. Nun erweitern Sie das Angebot um die Poesie- und Bibliotherapie. Was hat Sie dazu bewogen?

Prof. Dr. med. Elke Jäger: » Die Diagnose „Krebs“ verändert trotz wesentlich gebesserter Behandlungsmöglichkeiten meist grundlegend die  Lebensperspektive der Patienten und ihrer Angehörigen. Die Gesprächsinhalte zwischen Patient und Arzt werden meist von Beratungen über diagnostische und therapeutische Prozeduren bestimmt. Existenzielle Fragen werden nur selten thematisiert. Die Hoffnung auf ein gutes Behandlungsergebnis wird in erster Linie an die vielversprechenden neuen und individualisierten Therapiemodalitäten geknüpft. Schreiben ist da eine wertvolle Möglichkeit, um Gedanken zu sortieren und auszudrücken – entweder nur für den Schreibenden selbst, oder adressiert an einen bestimmten oder einen offenen Leserkreis. Mich motiviert die Idee eines begleiteten Angebotes, durch das die Menschen das Schreiben mit verschiedener Zielsetzung lernen und üben können, um neue Perspektiven für sich zu entwickeln. «
Dr. med. Katja Walesch: » Es ist doch so: Gefühle, Gedanken und Fragen können sprachlos machen. Im Alltag bleiben die Menschen mit ihren Botschaften oft ohne Resonanz. Die Folge ist eine Isolation in eigenen Gedanken und Emotionen. Wie wichtig Resonanz, Schwingungsfähigkeit, ist, sehe ich immer wieder in den Gesichtern von Kursteilnehmern: Die Berührtheit, wenn sie mit ihren Botschaften wahrgenommen werden und  Botschaften sie erreichen. Eine wichtige Erfahrung von Sonanz und Resonanz, einem inneren Schwingen und Mitschwingen. Die Poesie- und  Bibliotherapie hilft, Sprachlosigkeit zu überwinden. Das ist auch der Grund, warum ich sofort zugesagt habe, als Frau Professor Jäger mich fragte, ob ich in ihrer Klinik Kreatives Schreiben anbieten wolle. «

Welche Fragen beschäftigen die Patienten Ihrer Erfahrung nach?

Dr. med. Katja Walesch: » Zuerst die wichtigste: Gibt es Hoffnung auf Heilung? Und dann die Frage: Was jetzt? Die Gedanken der Menschen  kreisen auch um das Thema Warum: Warum ich, warum jetzt, warum überhaupt? Angst schwingt immer mit: Vor der Therapie, vor dem  Ausgeliefertsein, vor dem Sterben. Viele Patienten stehen noch lange nicht am Ende ihres Lebens, wenn bei ihnen Krebs diagnostiziert wird. Sie  machen sich Gedanken, wie es weitergeht – für sie selbst und auch für ihre Angehörigen. Gefühle wie Trauer, Hilflosigkeit und Wut kommen auf und die Unsicherheit, etwas falsch gemacht zu haben. «

Wie kann Ihr Angebot da helfen?

Dr. med. Katja Walesch: » Die Poesie- und Bibliotherapie zählt wie Musik-, Tanz- oder Kunsttherapie zu den künstlerisch-kreativen Therapieformen. Sie unterstützt die Heilkraft der Sprache sowohl durch das Lesen von beruhigender, erhellender und aufbauender Literatur als auch durch das Schreiben und Gestalten eigener Texte. «

Worum geht es dabei?

Dr. med. Katja Walesch: » Im Kern geht es um die belebende Erfahrung, sich in einem literarischen Text wiederzuerkennen: „Ah, was ich fühle, hat
schon einmal jemand gefühlt“, dadurch ist man weniger allein. Und es geht darum, sich etwas von der Seele zu schreiben und sich Gutes zuzuschreiben, sich ohne Leistungsdruck oder Erklärungsnot zum Ausdruck zu bringen und mit anderen austauschen zu können. Das entlastet, inspiriert und schafft Gemeinschaft, ganz unabhängig von Gesundheitszustand, Alter oder Lebenskontext. Ausdruck braucht Sprachen. Und  Schreiben ist einer der sinnvollsten Wege zu selbstbestimmter Kommunikation und verantwortlichem Miteinander. Es ist eine Kraftquelle, aus
der wir schöpfen können. Als Kursleiterin für Integrative Poesie- und Bibliotherapie möchte ich das auch Menschen mit onkologischer Erkrankung zugänglich machen. «
Prof. Dr. med. Elke Jäger: » Manches mag leichter geschrieben werden, als es gesagt werden kann. «
Dr. med. Katja Walesch: » Ja, und es sind Worte, die geschrieben werden. Durch Poesie – aus dem Griechischen poeisis: erschaffen – also durch  das Gestalten von Sprache mit Worten, und durch das Lesen von Texten im biblos, im Buch, vermittle ich als Poesie- und Bibliotherapeutin konkrete Hilfen, um eigene Worte zu finden, zur Sprache zu kommen, Unsägliches sagbar zu machen. Sprache hat ja Kraft, sie kann gewaltig sein – „Krebs!“ Wo können wir Trost finden, Hoffnung und Kraft schöpfen, wenn wir uns traurig, alleingelassen oder schwach fühlen? Und: Sprache hat Heilkraft – zum Beispiel im tröstlichen Wort, im anteilnehmenden Zuspruch, in der befreienden Aussprache. «

Das Sprechen in der Medizin wird meistens der Psychotherapie zugeordnet. Poesietherapie ist da eher unbekannt...

Dr. med. Katja Walesch: » Die Heilkraft von Sprache und Wort ist seit der Antike bekannt. Schon die frühen Menschen in Mesopotamien  entwickelten heilsame Beschwörungen und Zaubersprüche. Sie wussten, dass das richtige Wort zur richtigen Zeit Wunder bewirken kann ... Joseph Eichendorff hat es so schön in seinem Gedicht ausgedrückt:
Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen
triffst du nur das Zauberwort

Körper, Seele und Geist kommen hierin vor: Alle Dinge – das Körperliche, die Materie. Ein Lied – das, was beseelt, lebendig macht. Und die Welt – der Geist, der dies alles umfasst. Diese drei befinden sich immer in dynamischer Wechselwirkung. Auch in der Medizin hat sich herumgesprochen,
dass es zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit wesentliche Zusammenhänge gibt. Die Psychosomatische Medizin und ihr noch relativ junger Zweig der Psychoonkologie interessieren sich genau für diese Interaktion zwischen Psyche, der Seele und Soma, dem Körper. Interesse,  lateinisch: dazwischen-sein. Wenn wir die Wortwurzeln aufspüren, kommen wir den Dingen immer näher ... Also, wenn wir aber nochmal genauer lesen, erkennen wir: Da war auch von einem Geist die Rede. «

Was hat es damit auf sich?

Dr. med. Katja Walesch: » Es gibt eine Gesundheit des Geistes. Diesen Geist übersetze ich gern mit Bewusstheit: Sie enthält den Sinn des Denkens. Diesen Sinn hat der Mensch noch nicht vollumfänglich erfasst, aber darauf gehe ich jetzt nicht ein, das würde zu weit führen. Ich möchte aber doch sagen, dass wir neben Körper und Seele natürlich auch unseren Geist nähren können. Sprache und Worte sind hier die Nahrungsmittel. Durch die Auseinandersetzung mit den aufgenommenen Inhalten reflektieren wir über uns und die Welt. Je vollwertiger beziehungsweise sinnhafter, desto wertvoller. Von einem so genährten Geist können wir immer zehren, sogar wenn der Körper geschwächt oder die Seele belastet ist. Wie das geht, vermittle ich zum Beispiel beim kreativen und heilsamen Schreiben. Es ist vielleicht ein bisschen wie in einem Kochkurs. «

Schreiben als Kochkurs? Klingt ungewöhnlich – aber interessant: Wie kann ich mir das vorstellen, was machen Sie da?

Dr. med. Katja Walesch: » Wir können ja körperlich nicht aus unserer Haut – und doch können wir es: Mit Hilfe der Phantasie und der Bewusstheit. Beides sind Flügeltüren zur Freiheit, sie machen Mut und geben Kraft. Ein Patient ist auf die ein oder andere Art immer mit seiner Erkrankung  konfrontiert. Im Schreibkurs steht jetzt nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern der Mensch selbst mit seinen Empfindungen, seiner Neugier und mit seinem Gestaltungsantrieb. Die Tatsache, dass die anderen in der Gruppe Ähnliches erlebt haben und wissen, wie es ist, mit einer  Krebserkrankung zu leben, entlastet schon und schafft Vertrauen. Es gibt natürlich kein „Kochrezept mit 'Geling'-Garantie“. Meine Anregungen
sind lebenspraktisch und lassen sich direkt in den Alltag umsetzen. Nach einer kleinen Einstimmung gebe ich verschiedene Impulse, die leicht ins  Schreiben führen. Anders als in der Schule gibt es hier kein Richtig oder Falsch. So ergibt sich ein ungezwungenes Spiel mit Sprache, und man kann sich im Innehalten von Wörtern, Zeilen und Texten finden lassen. Es wird viel geschrieben, es wird gelesen. Es darf geweint und gelacht werden. «

An wen richtet sich Ihr Angebot und wie wird es finanziert?

Prof. Dr. med. Elke Jäger: » Die Stiftung „Leben mit Krebs“ fördert unser Projekt „Kreatives und heilsames Schreiben“. Es ist offen für alle  Menschen mit bestehender oder überstandener onkologischer Erkrankung. Dank der finanziellen Unterstützung entstehen den Teilnehmern keine Kosten. Das Angebot ist nicht als psychotherapeutische Intervention zu verstehen, sondern als Unterstützung für Betroffene, in der neuen Situation
eine beschreibbare Basis zu gewinnen und ein wirksames Gestaltungsmittel zu erhalten. «
Dr. med. Katja Walesch: » Dadurch verbessert sich sowohl das Wohlbefinden als auch die Lebensqualität. Die Meditationsforschung und psychoneuroimmunologische Untersuchungen zeigen, dass die Bewusstheit über die eigene Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit nicht nur ein gesundes Selbstbewusstsein fördert, sondern auch positiv auf das Immunsystem wirkt. Es ist also nicht nicht nur tröstliche Magie, sondern biophysiologisch nachweisbar, dass „Zauberworte“ Heilkraft haben. «

Ein sehr spannendes Thema! Frau Dr. Walesch, eine Frage noch: Sie sind ursprünglich Ärztin für Allgemeinmedizin. Wie kamen Sie auf Poesie- und Bibliotherapie?

Dr. med. Katja Walesch: » Wie Körper, Seele und Geist sind Leib, Bewegung und Sprache untrennbar miteinander verwoben – das ist mein zentrales Thema. Sprache bewegt sich im Leiblichen wie im Zwischenleiblichen, verbal und nonverbal. Sie schafft Brücken und öffnet Horizonte. Die Säulen meiner Arbeit sind die Osteopathische Medizin und die Bewegungstherapie, mein Ansatz ist leiborientiert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Genesung, also die Heilungsentwicklung der Patienten, damit korreliert, wie wir sprechen und zuhören. Zur Integrativen Poesie- und Bibliotherapie kam ich, weil ich diese Erfahrungen vertiefen wollte. «

Frau Dr. Walesch, Frau Prof. Jäger, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.

Das Gespräch führte Brigitte Ziegelmayer.

Kreatives und heilsames Schreiben findet zur Zeit einmal wöchentlich als offener Workshop unter der Leitung von Dr. med. Katja Walesch am Krankenhaus Nordwest statt. Teilnehmen können alle Interessierten, die onkologisch erkrankt sind oder waren. Dank Förderung der Stiftung „Leben mit Krebs e.V.“ ist das Angebot gebührenfrei.
Kontakt:
Dr. med. Katja Walesch
Telefon: (0 69) 25 71 33 34
E-Mail: info(at)SinnAnstiftung(dot)de
www.SinnAnstiftung.de / www.praxis-walesch.de

Chefärztin

Prof. Dr. med. Elke Jäger

Fachärztin für Innere Medizin, Fachärztin für Hämatologie und Onkologie, Palliativmedizin

Telefon
Fax(069) 769932
E-Mailfernandez.alicia(at)khnw(dot)de