Hospital zum Heiligen Geist

Die Veränderung des emotionalen Erlebens durch stationäre und teilstationäre Psychotherapie

Wie in allen anderen medizinischen Fachgebieten auch ist die Frage, ob wir den Patienten mit unserem Behandlungsangebot helfen können, von höchstem Interesse. Es ist überaus erfreulich zu wissen, dass in all den Jahren seit dem Bestehen der Psychosomatischen Klinik am Hospital zum Heiligen Geist konstant 70 Prozent der Patienten mit der stationären und teilstationären psychodynamischen Behandlung zufrieden sind und unsere Klinik weiterempfehlen würden. Allerdings bleibt der Umstand, dass etwa 30 Prozent unserer behandelten Patienten keine Verbesserung ihrer seelischen und körperlichen Symptome am Ende der Behandlung zeigen, eine Herausforderung für unsere psychotherapeutische Arbeit.

PSMI

In einer groß angelegten Studie an 2004 Patienten haben wir über vier Jahre hinweg nicht nur die Symptomatik und Diagnosen unserer Patienten erfasst, sondern diese auch hinsichtlich ihrer interpersonellen Schwierigkeiten, ihres Beziehungserlebens und vor allem ihres emotionalen Erlebens befragt. Unser besonderes Interesse bestand darin, zu erfahren was die Patienten als hilfreich erlebt haben und was zu einer erfolgreichen Behandlung, die sich in einem Rückgang der Symptomatik, einem Zugewinn an Lebenszufriedenheit und Handlungsfähigkeit zeigt, beigetragen hat.

Aus jahrzehntelanger Psychotherapieforschung wissen wir, dass neben der therapeutischen Beziehung, die wir als wichtiges 'Behandlungsinstrument' ansehen, vor allem die Empathie des Therapeuten, die Erwartungen der Patienten, die Erarbeitung eines psychosomatischen Krankheitsverständnisses und therapiespezifische Interventionen eine große Rolle für den Erfolg einer Behandlung spielen. Die Bedeutung des emotionalen Erlebens, der Kontext, in dem Emotionen entstehen und in dem sie verarbeitet werden können sowie Aspekte emotionaler Achtsamkeit, Affekttoleranz und adäquate Emotionsregulationsstrategien haben zunehmend Berücksichtigung im Therapieangebot erfahren. Gelingt es, die Wahrnehmung von Emotionen, ihren Ausdruck und ihre Regulation psychotherapeutisch zu ermöglichen und zu verbessern, ist der Grundstein für eine psychotherapeutische Veränderung und damit einen Behandlungserfolg gelegt.

Wir konnten im Rahmen unserer Studie darstellen, dass unser Behandlungsangebot dazu geeignet ist, emotionales Erleben anzustoßen und seine Modifikation zu aktivieren. Erstmalig konnten wir dabei auch aufzeigen, inwieweit das Geschlecht, Alter und traumatische Erfahrungen in Kindheit und Jugend einen Einfluss auf die therapeutische Veränderung haben.

Frauen und Männer zeigten eine weitestgehende Übereinstimmung im emotionalen Erleben und dessen Veränderung, sodass wir sagen können, dass unsere stationäre Behandlung für Frauen wie Männer gleichermaßen geeignet ist.

Zwischen jüngeren und älteren Patienten zeigten sich deutliche Unterschiede in der Ausprägung negativer Emotionen. Adoleszente und junge Patienten berichteten über ein deutlich höheres Maß an negativen Emotionen, sie zeigten gleichzeitig aber auch stärkere Veränderungen ihres emotionalen Erlebens gegenüber älteren Patienten. Dass ältere Menschen negative Emotionen weniger häufig berichten, mag zum einen damit zusammenhängen, dass sie weniger stark in negativen Gefühlszuständen verharren und emotional stabiler sind. Zum anderen aber kann dies auch die Folge einer geringeren Anpassungsfähigkeit im Alter sein, welche es wiederum erschwert, auf emotionsintensive Ereignisse wie Trennung, Ruhestand oder Abbau eigener Fähig- und Fertigkeiten adaptiv zu reagieren. In Hinblick auf das zunehmende Interesse an der Psychotherapie älterer Menschen sind diese Ergebnisse von Bedeutung, konfrontieren sie uns doch mit der Frage, ob die typischen Therapieangebote in einem stationären Setting nicht eher auf die Bedürfnisse und Themen jüngerer Menschen zugeschnitten sind und für ältere Menschen angepasst werden müssten.

Kindheitstraumata sind ein Risikofaktor für das Auftreten psychischer Erkrankungen

Patienten, die traumatische Belastungen in Kindheit und Jugend aufwiesen, berichteten von einem hohen Ausmaß an negativen Emotionen. Hier zeigte sich deutlich, dass Kindheitstraumata einen Risikofaktor für das Auftreten psychischer Erkrankungen darstellen. Zusammengefasst konnten wir mit unserer Studie zeigen, dass das emotionale Erleben durch unsere Therapieangebote sehr gut aktiviert werden konnte.

Vor allem passiv-negative Emotionen (wie beispielsweise Angst, Scham, Traurigkeit, Einsamkeit) sprachen gegenüber aktiv-negativen Emotionen (wie beispielsweise Wut, Ekel, Unbeherrschtheit, Reizbarkeit) und positiven Emotionen (wie beispielsweise Freude, Liebe, Zärtlichkeit, Interesse) am stärksten auf die Therapieangebote an. Passiv-negative Emotionen zeigten nicht nur den deutlichsten Rückgang infolge der Behandlung, sondern hatten auch den größten Einfluss auf den Behandlungserfolg. Die Patienten, die sich emotional verändern konnten, fühlten sich am Ende der Behandlung psychisch auch deutlich weniger belastet als zu Beginn der Therapie.

Stationäre bzw. teilstationäre psychodynamische Psychotherapie wird geprägt von dem zwischenmenschlichen Klima bei der Versorgung und Unterstützung im Alltagshandeln. Es stellt einen großen Einflussfaktor auf das emotionale Erleben dar, ist wirksam und ermöglicht vielen Patienten ein besseres psychisches Befinden, positiveres Emotionserleben und mehr Lebenszufriedenheit. Unsere zukünftige Herausforderung besteht darin, spezifische therapeutische Interventionen noch besser differenzieren zu können und das Behandlungsangebot danach auszurichten.

 

 

 

Buch-Tipp

Karin Kernhof, Wolfgang Merkle
Emotionales Erleben und seine Veränderung im Rahmen teil-/stationärer psychodynamischer Psychotherapie

Z Psychosom Med Psychother 67 
ISSN (Printausgabe): 1438–3608,
ISSN (online): 2196–8349
© 2021
Vandenhoeck & Ruprecht

https://doi. org/10.13109/zptm.2021.67.oa12

Oberärztin

Dr. med. Dipl.-Psych. Karin Kernhof

Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin

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