Krankenhaus Nordwest

Neuroinfektiologie brandaktuell – Robustheit statt Maximierung

Krankheitserreger haben im Laufe der Zeit ausgefeilte, robuste und stabile Mechanismen entwickelt, um sich weiter auszubreiten, regional und global. Während der Corona-Pandemie mehren sich Erkenntnisse zu neurologischen Manifestationen unter einer SARS-CoV-2 Infektion: Neben den Lungenerkrankungen kann es auch bei bis zu einem Drittel der Erkrankten zu durch das Virus ausgelösten Schlaganfällen, Nervenentzündungen mit rasch aufsteigenden Lähmungen und Hirnentzündungen kommen.

Nahaufnahme eines Corona-Virus

Erregerbedingte Infektionskrankheiten gibt es seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte: Blickt man zurück, blickt man auf eine mehr als 2.000 Jahre alte Geschichte. Frühe Beispiele erregerbedingter Infektionen sind die Pocken und die Pest (1348). Das Jahr 2020 hat durch die Corona-Pandemie die Welt in noch niedagewesener Geschwindigkeit, insbesondere in Deutschland, mit höchster Qualität verändert. Es gelang innerhalb kürzester Zeit, die Gensequenz einer Variante eines altbekannten Virus zu charakterisieren und einen völlig neuartigen Impfstoff zu entwickeln. Die Technik und Entwicklung, den neuartigen Impfstoff in Liposomen zu verpacken, wurde in Deutschland entwickelt – ein großer Erfolg, der möglicherweise einen Nobelpreis erhalten wird und in zahlreichen anderen Gebieten der Medizin Durchbrüche bewirken kann. Hier arbeitet in nie zuvor dagewesener Weise die ganze Welt zusammen. Nicht nur wissenschaftlich haben wir Grund uns zu freuen – auch hinsichtlich unseres guten Gesundheitssystems im internationalen Vergleich stehen wir gut da. Mit ausreichend Krankenhausbetten konnte Deutschland bisher zeigen, dass die Vorhaltung dazu führte, dass die Sterblichkeit hier gering war und ein sehr gut vorbereitetes Gesundheitssystem bereitstand. Das schon in der Bibel beschriebene Zitat in fetten Jahren für die mageren vorzubeugen, erschien den Effi zienzpriestern der Branche als Todsünde: „Zu viele Krankenhausbetten“, so ihr Credo oder „Andere Länder kommen mit weniger aus.“ Doch wie viel Tod darf man einpreisen, um vermeintliche Effi zienz und Maximierung zu erreichen? Vielleicht löst die Corona-Pandemie eine neue Diskussion aus über Werte, die die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist seit mehr als 750 Jahren stets stabilisierten: Um Widrigkeiten standzuhalten, braucht man Robustheit und keine Maximierung des Abschöpfens.

In der Biologie gibt es kein Enzym, das maximal optimiert ist. Alle Enzyme, die man untersucht hat, können durch Mutationsexperimente in ihrer Aktivität verbessert werden, teilweise tausendfach und mehr. Die Natur strebt Robustheit an – nicht Maximierung. Darum sollte die Gretchenfrage nicht lauten „Warum schafft es die Natur seit Anbeginn der Zeit immer wieder, Krisen und Naturkatastrophen standzuhalten?“, sondern „Schaff en wir es als Gesellschaft, die Maximierung neu zu denken und stattdessen Robustheit anzustreben?“

Die Krankheiten wandern hin und her, so weit die Welt ist, und bleiben nicht an einem Ort. Will einer viel Krankheiten kennen lernen, so wandere er auch; wandert er weit, so erfährt er viel und lernt viel kennen.
Paracelsus (1493 -1541)

Bereits jetzt klagen Patienten in neurologischen Sprechstunden über eine verminderte Belastbarkeit, Müdigkeit sowie allgemeine Erschöpfungssymptome, dem sogenannten Post-Covid-Syndrom. Auch dies gab es schon einmal: Schätzungen zufolge geht man von 500.000 bis einer Million Fällen von Encephalitis lethargica (Europäische Schlafkrankheit) zwischen den Jahren 1915 und 1927 aus. Im Augenblick lernen wir eine „neue“ chronische Erkrankung kennen und hoffen, dass die
Mehrheit der Patienten diese Symptome der Abgeschlagenheit und Müdigkeit wieder verlieren wird.

Die Neuroinfektiologie umfasst ein breites Spektrum von Erregern wie Bakterien, Viren, Parasiten und Pilze, die das zentrale und periphere Nervensystem und die Muskulatur befallen können. Diese stellen die behandelnden Ärzte immer wieder vor besondere Herausforderungen. Akute Infektionen des Zentralen Nervensystems (ZNS) wie die Herpes-simplex-Virus-Enzephalitis oder eine bakterielle Meningitis sind lebensbedrohliche Erkrankungen. Trotz effektiver Therapie und intensivmedizinischer Behandlung versterben viele Patienten oder erleiden Spätfolgen. Die Erkrankungen erfordern rasches Handeln und eine hoch spezialisierte Diagnostik und oft spezialisierte neurologische Intensivmedizin, die ein Schwerpunkt der Neurologischen Klinik am Krankenhaus Nordwest darstellt.

Nicht nur die Kenntnisse der Krankheitsbilder, sondern auch der biologischen Strategien neurotroper Erreger sind eine Notwendigkeit für eine zielgerichtete Diagnostik und Therapie.

Der zunehmende Handel, die Reisegewohnheiten, die Urbanisierung und der Klimawandel sind einige der Faktoren, welche die Entwicklung und Verbreitung neuer und alter Krankheitserreger begünstigen. Jedes Jahr treten Infektionskrankheiten
auf oder wieder auf. Neuroinfektiologische Krankheiten können als Ausbrüche in kleinen, lokalisierten Regionen auftreten oder sich schnell über große geographische Gebiete ausbreiten.

FSME-Virus: Seit fünf Millionen Jahren genetisch unverändert

Viele humanpathogene, neurotrope Erreger können mittels ausgefeilter Übertragungswege in das zentrale und periphere Nervensystem eindringen, um die privilegierte Immunstellung des Nervensystems auszuhebeln. Zwar verfügt das ZNS über anatomische und immunologische Schutzmechanismen, die es vor dem Eindringen von Erregern schützt. Dennoch sind Bakterien in der Lage, diese Schutzwälle, die Bluthirnschranke und die Blut-Liquor- Schranke, zu kreuzen, um durch transzelluläre Penetration oder parazellulären Eintritt oder über infizierte Leukozyten aus dem peripheren Kreislauf („Mechanismus des Trojanischen Pferdes“) in das Nervensystem zu gelangen. Über die Blutbahn können Bakterien, Viren, aber auch Pilze und Parasiten in das Gehirn und Rückenmark vordringen. Bemerkenswert ist auch hier die fehlende Optimierung: Fast alle Erreger verwenden verschiedene Wege der Ausbreitung – gelingt der eine nicht, gibt es noch einen anderen. Insofern sorgt diese fehlende Effizienz für Überleben und Ausbreitung der Erreger. Beispielsweise ist das FSME-Virus in Zecken ein Paradebeispiel dieser Stabilität der Natur: Seit fünf Millionen Jahren genetisch unverändert!

Meningitis
Die Meningitis oder Hirnhautentzündung geht charakteristischerweise mit Fieber einher.
Die Leitsymptome einer viralen Meningitis sind Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteifigkeit (Meningismus), Nervendehnungszeichen, Licht- (Lichtscheu, Photophobie) und Lärmempfindlichkeit (Lärmscheu, Phonophobie).

Virale Meningitis
Akute viral verursachte Hirnhautentzündungen (virale Meningitis) sind meist selbstheilende, gutartige Erkrankungen. Eine Meningitis ist eine Entzündung der Hirnhäute (Meningen). Diese bindegewebsartigen Hüllen liegen innerhalb des Schädels dem Gehirn an. Wenn das Hirngewebe zusätzlich betroffen ist, spricht man von einer Meningoenzephalitis. Virale Meningoenzephalitiden zählen zu den seltenen aber häufig lebensbedrohlichen Erkrankungen. Die Häufigkeit der viralen Meningitis liegt in Westeuropa ungefähr zwischen 1,5 und 7 Fällen pro 100.000 Einwohner. In seltenen Fällen kommt es zu einer rein isolierten Enzephalitis (Hirngewebeentzündung).

Bakterielle Meningitis
Eine bakteriell verursachte Meningitis ist lebensbedrohlich und nimmt oft rasch einen fulminanten Verlauf. Die Leitsymptome einer bakteriellen Meningitis sind starke Kopfschmerzen, hohes Fieber und Nackensteifigkeit. Übelkeit, Erbrechen, schmerzhafte Lichtempfindlichkeit (Photophobie)  und Bewusstseinsstörungen (Beeinträchtigungen oder Veränderungen des gewöhnlichen Alltagsbewusstseins) können auftreten. Jährlich treten 5-10 Fälle pro 100.000 Einwohner auf. Mit Einführung von Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae ist das Auftreten bakterieller Meningitiden in Deutschland rückläufig.

HSVE ist die häufigste lebensbedrohliche virale Entzündung des Gehirns

Eine bakterielle Meningitis kann sich innerhalb von Minuten zum lebensbedrohlichen Notfall entwickeln und muss schnellstmöglich behandelt werden. Die Behandlung mit Antibiotika und Glukokortikosteroiden sollte innerhalb einer Stunde nach Eintreffen in die Notfallambulanz auf einer speziellen neurologischen Intensivstation erfolgen.

Vorsicht ist geboten bei einer besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppe: Bei alten Menschen und Säuglingen können die typischen  Symptome einer Meningitis auch fehlen.

Die Neurologie am Krankenhaus Nordwest verfügt über eine der „ältesten“ speziellen neurologischen  Intensivstationen in Deutschland, in der seit Jahren Ärzte weitergebildet werden – insbesondere in der Behandlung lebensbedrohlicher erregerbedingter Hirn- und Rückenmarkserkrankungen.

Besondere Erreger
Herpes-simplex-Virus-Enzephalitis (HSVE)
Die Herpes-simplex-Virus-Enzephalitis (HSVE), ausgelöst durch das Herpes-simplex-Virus (HSV), ist die häufigste sporadisch auftretende, lebensbedrohliche virale Entzündung des Gehirns weltweit. Die geschätzte Häufigkeit liegt in Mitteleuropa bei 0,2-0,4 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die meisten Fälle einer HSVE werden durch das Herpessimplex-Virus Typ 1 verursacht. Am häufigsten gelangen die Viren über den Riechnerv ins Gehirn. Durch eine kontinuierliche Ausbreitung werden weitere Nervenzellen befallen und zerstört. Die HSVE kennzeichnet sich durch einen raschen Verlauf, der schnell lebensbedrohlich werden kann. Die Behandlung mit dem Medikament Aciclovir muss sofort beim Verdacht auf eine HSVE eingeleitet werden. Die Gabe von Aciclovir senkt die Sterblichkeit auf 20 Prozent, ohne entsprechende antivirale Therapie liegt die Sterblichkeit bei 80 Prozent. Die zusätzliche Gabe von Glukokortikosteroiden (Dexamethason) verbessert signifikant den Verlauf der Erkrankung, dies konnte in einem neu etablierten Mausmodell von Prof. Meyding-Lamadé gezeigt werden, woraufhin eine internationale Studie zur Behandlung mit Aciclovir und Glukokortikosteroiden initiiert wurde (German Trial of Aciclovir and Corticosteroids in Herpes-simple-Encephalitis, GACHE).

Die FSME ist eine saisonal auftretende Erkrankung von März bis Oktober mit einem Erkrankungsgipfel von April bis Juli. Die häufigste Übertragung des FSME-V erfolgt durch Zecken. Verschiedene Studien haben jedoch  gezeigt, dass eine Übertragung auch durch infizierte Rohmilch oder Rohmilchkäse erfolgen kann. Eine spezielle Therapie ist für FSME nicht vorhanden, aber sie ist eine durch Impfung vermeidbare Erkrankung. Dennoch ist die Durchimpfung der Gruppe der „Golden Agers“, die ihre Freizeit häufig im Freien verbringen, besonders schlecht und die Sterblichkeit in dieser Gruppe ist hoch.

Zecken können aber nicht nur Viren, sondern auch Bakterien wie Rickettsia spp. (Auslöser des Fleckfiebers) auf den Menschen übertragen. Neben Zecken können Rickettsien auch durch Läuse, Milben oder Flöhe übertragen werden. Der Name Fleckfieber – auch Flecktyphus, Typhus exanthemicus, Kriegspest, Läusefieber, Läusefleckfieber, Lazarettfieber oder Faulfieber genannt – ist abgeleitet von dem charakteristischen Fieberverlauf und einem  rotfleckigen Hautausschlag.

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)
Jährlich kommt es trotz aktiver Immunisierung zu hunderten Krankheitsfällen von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Fallzahlen sind schwankend. 2017 wurden 486 Fälle von FSME, 2018 583 Fälle, 2019 445 Fälle und 2020 798 Fälle und 2021 sind bisher 25 Fälle gemeldet worden. Das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSME-V) gehört zur Familie der Flaviviridae zur Gattung der Arboviren und wird in drei Subtypen unterteilt: westliche, östliche und fernöstliche. Die Zeckenart Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus) ist der häufigste Überträger des FSME-V in Westeuropa. Sie ist bis zu einer Temperatur von 6-8°C aktiv. Seit 2017 wird eine weitere Zecke, die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatis), als  Überträger der FSME vermutet. Ihre Rolle bei der Übertragung auf den Menschen ist noch nicht vollständig geklärt. Im Gegensatz zu dem gemeinen Holzbock ist die Auwaldzecke ab einer Temperatur von > 0 °C aktiv.

Historischer Exkurs
In Europa ist das Fleckfieber seit ungefähr dem 16. Jahrhundert als Kriegs- und Elendsseuche bekannt. Schon Napoleons Grande Armée erlitt während des Russlandfeldzuges 1812 enorme Verluste bei einem Ausbruch von Fleckfieber. Bittere Winterkälte zwang die Soldaten dazu, ihre Kleidung durchgehend zu tragen und um sich notdürftig zu wärmen, zogen sie die Kleidung Gefallener an. Die mit Rickettsien infizierten Kleiderläuse konnten sich so rasch vermehren und ausbreiten. Während des Rückzuges aus Russland im Herbst 1813 war die erste Rast in Mainz, hier verstarben zwischen 15.000 - 17.000 Soldaten und ebenso viele Zivilisten. Aufgrund der auftretenden neurologischen Symptome wurde die Erkrankung als Nervenfieber bezeichnet und blieb als Typhus de Myence (franz.=Mainz) im Französischen erhalten.

Nicht nur das neuartige Coronavirus (COVID-19, SARS-CoV-2) unterstreicht die Aktualität von Infektionskrankheiten

Nicht nur das neuartige Coronavirus (COVID-19, SARS-CoV-2) unterstreicht die Aktualität von Infektionskrankheiten. 2019 ist erstmalig die Zecke Hyalomma marginatum in Deutschland gefunden worden. Hyalomma Zecken besitzen im Gegensatz zum gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) Augen (griechisch: Hyalos = Glas; omma = Auge), sie sind sehr schnelle und sich optisch orientierende aktive Jäger. Ihren potentiellen Wirt verfolgen sie über hunderte von Metern. Hyalomma marginatum ist Überträger verschiedenster Krankheitserreger, u.a. das Krim-Kongo-hämorrhagische-Fieber-Virus, welches das Krim-Kongo-Fieber auslösen kann.

Krim-Kongo-Fieber
Das Krim-Kongo-Fieber-Virus (Crimean-Congo hemorrhagic fever virus, CCHFV) ist nur südlich des 50. nördlichen Breitengrades endemisch, in Afrika, auf dem Balkan, im Nahen Osten und in Asien. Ausbrüche haben eine Sterblichkeitsrate von bis zu 40 Prozent. Die Übertragung erfolgt meist über Zecken auf Nutztiere und dann auf den Menschen. Übertragungen von Mensch zu Mensch können über Bluttransfusionen, Organspenden oder Körperflüssigkeiten infizierter Personen erfolgen. Nach einer durchschnittlichen Inkubationszeit von 3 - 12 Tagen beginnt die Erkrankung plötzlich mit Fieber, allgemeinen Krankheitssymptomen, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Kopf-, Glieder- und Lendenschmerzen, gelegentlich kommt es zu  Erbrechen, Diarrhoe und abdominellen Schmerzen. Eine entzündliche Rötung entwickelt sich im Gesicht und auf der Brust. Die Sterblichkeit beträgt ca. 30 Prozent, meist tritt der Tod in der zweiten Krankheitswoche ein.

Poliomyelitis
Eine in Deutschland in Vergessenheit geratene Erkrankung ist die gefürchtete Kinderlähmung (Poliomyelitis). Mit Einführung der Impfung gegen Poliomyelitis 1962 („Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“) sind die Erkrankungszahlen in Deutschland gegen null gegangen. Der letzte Fall von Poliomyelitis wurde 1990 erfasst. Vor Einführung der Impfung waren Polioviren weltweit verbreitet. Zu dieser Zeit existierten drei Typen von Polioviren (Typ 1: Brunhilde, Typ 2: Lansing und Typ 3: Leon). Der Name Poliomyelitis geht zurück auf den Befall des ZNS. Das Poliovirus befällt bevorzugt die graue Substanz des Rückenmarks (griechisch: polio = grau; myelos = Rückenmark). Mittlerweile sind von den drei Wildtypviren  zwei (Typ 2 und Typ 3) ausgerottet. Klinisch verlaufen die meisten Infektionen (95 Prozent) asymptomatisch als sogenannte abortive Poliomyelitis. Patienten entwickeln unspezifische Krankheitssymptome wie Fieber, Übelkeit, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Myalgien und Gastroenteritis. Bei der abortiven Poliomyelitis kommt es nicht zu einem Befall des Nervensystems.

Wenn das Nervensystem befallen wird, kommt es in 2 - 4 Prozent der Fälle zu der nichtparalytischen Poliomyelitis oder in 0,1 - 1 Prozent zu einer paralytischen Poliomyelitis. Die nicht paralytische Poliomyelitis führt nach drei bis sieben Tagen nach der abortiven Polio zu Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelspasmen.

Bei der paralytischen Polio entwickeln Patienten neben Rücken-, Nacken- und Muskelschmerzen motorische Paresen. Üblicherweise treten die Paresen asymmetrisch auf. Bein-, Arm-, Bauch-, Thorax- oder Augenmuskeln können betroffen sein. Entwickeln Patienten Jahre oder Jahrzehnte nach einer durchgemachten Poliomyelitis wieder Paresen, meist in den Muskeln wie vorher, spricht man vom Postpolio-Syndrom.

Eine spezifische Therapie existiert nicht, die einzige Möglichkeit einer Erkrankung vorzubeugen ist die aktive Impfung.

Exkurs Polioeradikation
Im Vergleich zur Ausrottung der Pockenerkrankung, die innerhalb von 15 Jahren erreicht werden konnte, gestaltet sich die Vertreibung der  Poliomyelitis zäher und schwieriger.

Vor mehr als 30 Jahren (1988) wurde das weltweite Projekt zur Poliobekämpfung (GPEI) von der WHO gestartet. Vor Beginn des Projektes waren ca. 350.000 Menschen betroffen, nach Verbreitung der Impfprogramme mit den beiden verfügbaren Impfstoffen (Schluckimpfung mit abgeschwächten Viren und injizierbarer Impfstoff mit abgetöteten Viren) konnte die Zahl der Erkrankungsfälle um mehr als 99,9 Prozent reduziert werden.

Finanziert wird das Polioeradikationsprogramm hauptsächlich von Rotary international, der Bill und Melinda Gates Stiftung, den US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC), Unicef sowie von einzelnen Staaten. Seit vielen Jahren ist Prof. Meyding-Lamadé Mitglied der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Deutschland und gleichzeitig Poliobotschafterin bei Rotary.

Warum ist es in Deutschland wichtig, sich weiterhin gegen Poliomyelitis oder andere Infektionskrankheiten impfen zu lassen? Der geimpfte Einzelne ist vor einer Ansteckung geschützt, falls Krankheitserreger aus Ländern mit niedrigerer Impfrate wieder eingeschleppt werden. Durch eine hohe Impfrate sind aber auch nicht geimpfte oder anfälligere Menschen geschützt, da sich der Erreger nicht ausbreiten kann. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Herdenschutz oder -immunität. Davon profitieren z.B. vorerkrankte Menschen, Kinder und Säuglinge, die über keinen oder einen eingeschränkten Impfschutz verfügen.

Infectious diseases have no geographic boundaries. It doesn’t matter whether a country is rich or poor, developed or developing, these diseases can still arrive.
- Sujan Shresta, Center for Infectious Diseases, La Jolla Instiute, USA

Nipah-Virus-Infektionen
Die durch das Nipah-Virus ausgelösten Nipah-Virus-Infektionen gehören zu den sogenannten „emerging viruses“. Das sind Viren, die plötzlich in Gebieten auftauchen, in denen sie zuvor nicht heimisch waren und so Epidemien und Pandemien auslösen können. Das Nipah-Virus wird primär durch Flughunde (Fledermäuse) übertragen. Die Übertragung kann aber auch von Mensch zu Mensch erfolgen. Das Nipah-Virus wurde erstmals 1998 in Zusammenhang mit einem Ausbruch in Malaysia identifiziert, wo Menschen und Schweine erkrankten. Seit dieser Zeit kommt es jährlich in großen Teilen Südostasiens zu schweren Erkrankungen mit einer hohen Sterblichkeit. Die meisten Patienten leiden an akuter Enzephalitis, Fieber, Kopfschmerzen und Bewusstseinsveränderungen. Es gibt keine spezifische Behandlung bei der Nipah-Virus-Infektion. Die spezialisierte neurologische Intensivmedizin kann wirksam symptomatisch und lebensrettend behandeln. Aufgrund des Reiseverhaltens können diese für Deutschland atypischen Erkrankungsbilder jederzeit auftreten.

Fallbeispiel: Exotische neurologische Infektionskrankheiten
Ein Fall am Krankenhaus Nordwest verdeutlicht, wie wichtig Kenntnisse von „exotischen“ neurologischen Infektionskrankheiten sind. Ein hochrangiger Patient des Königreichs Brunei Darussalam entwickelte auf der Durchreise im Transitbereich des Frankfurter Flughafens starke Krankheitssymptome  und wurde in die Neurologische Klinik eingeliefert. Mit spezieller neurologischer Intensivmedizin wurde der der an einer Nipah-Virus-Entzündung des Gehirns leidende Patient wieder vollständig gesund und konnte in sein Heimatland reisen. Dieser Fall unterstreicht die Wichtigkeit neurologischer Expertise zu Infektionskrankheiten des ZNS.

Die Bandbreite an Infektionen des Nervensystems ist sehr breit – die frühe Diagnose und hoch differenzierte Therapie ist entscheidend für die Prognose der Patienten. Nicht nur beim Schlaganfall, sondern auch bei Infektionen des Nervensystems gilt: Zeit ist Gehirn – die schnelle richtige Behandlung kann lebensrettend sein.

Die Neuroinfektiologie ist ein spannendes Teilgebiet der Neurologie und immer aktueller Dauerbrenner.

 

Expertise in Diagnostik und Management von Neuroinfektionen
Die Neuroinfektiologie ist ein spannendes Teilgebiet der Neurologie und immer aktueller Dauerbrenner. Prof. Uta Meyding-Lamadé als Hauptherausgeberin hat gemeinsam mit Prof. Martin Stangel, Hannover, und Prof. Jörg Weber, Klagenfurt, Österreich, einen kompakten, praxisorientierten Leitfaden mit dem Titel „Neuroinfektiologie“ verfasst.

Dieses praxisorientierte Buch behandelt ein stetig wachsendes Teilgebiet der Neurologie grundlegend. Es stellt sich den bekannten und den neuen Infektionserkrankungen des zentralen Nervensystems und unterstützt behandelnde Ärzte bei der Diagnosefi ndung und dem Management. Praxisnah mit übersichtlichen Tabellen, Abbildungen und Kernaussagen kann dieser kompakte Leitfaden eine wertvolle Hilfe im ärztlichen Alltag sein. Das Werk schult den diagnostischen Blick, der neben der interdisziplinären Zusammenarbeit mit einem Tropeninstitut und neben
Ausdauer und Besonnenheit in der Patientenbetreuung von entscheidender Bedeutung ist. Prof. Dr. med. Uta Meyding-Lamadé ist Chefärztin der Neurologie am Krankenhaus Nordwest, Frankfurt am Main. Zudem ist sie Leiterin des Instituts für Internationale Medizin und Telemedizin in Frankfurt am Main. Das Buch „Neuroinfektiologie“ ist beim Springer-Verlag erschienen ISBN: 978-3-662-61668-0.

Prof. Dr. med. Meyding-Lamadé
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Prof. Dr. med. Uta Meyding-Lamadé

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