Krankenhaus Nordwest

Reizdarm – Hauptform der funktionellen Bauchbeschwerden

Der Reizdarm, auch als Reizdarmsyndrom (RDS) (Colon irritabile, irritable bowl disease (IBS)) bezeichnet, gilt als Hauptform der funktionellen Bauchbeschwerden. Die Prävalenz wird je nach Studienlage mit 2,5–37 Prozent der Normbevölkerung angegeben, vornehmlich im westlichen Kulturkreis. Frauen leiden etwa doppelt so häufig unter einem RDS im Vergleich zu Männern (16 vs. 8 Prozent). Der Leidensdruck der Patienten ist sehr hoch und führt zu wesentlichen Beeinträchtigungen im Alltag mit hohen Krankheitskosten durch nicht-indizierte bzw. wiederholte Diagnostiken und Therapien. Das RDS ist neben den Erkältungskrankheiten der häufigste Grund für Krankschreibungen.

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Die Bedeutung des Reizdarmsyndroms ist geprägt durch seine Häufigkeit und die Variabilität des Krankheitsbildes sowie seine sozioökonomischen Auswirkungen. Die 2011 veröffentlichte S3-Leitlinie der DGVS hat bis dato noch Gültigkeit und wird derzeit aktualisiert. Sie enthält eine umfassende und praktikable Symptombeschreibung unter Einschluss des Schweregrades. Danach wird das RDS durch einen aus drei Punkten bestehenden Symptomenkomplex definiert:

  1. chronische, d. h. länger als drei Monate anhaltende Beschwerden (z. B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangveränderungen einhergehen,
  2. Beschwerden, die die Lebensqualität relevant beeinträchtigen und den Patienten deswegen Hilfe suchen lassen,
  3. fehlende charakteristische Veränderungen für andere Krankheitsbilder, welche wahrscheinlich für diese Symptome verantwortlich sind.

Die Definition beruht auf patientenbezogenen, subjektiven Angaben, wobei die angegebenen Symptome unspezifisch sind und sich auch bei organischen Erkrankungen finden lassen. Der Schweregrad der Symptome mit relevanten Minderungen der Lebensqualität ist zwingend für die Diagnosestellung.

Der Spontanverlauf des RDS zeigt bei einem Teil der Patienten eine spontane Besserung. Jedoch überwiegt der chronische Verlauf, häufig in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen (z. B. eine Depression).

Klinisch können ein Obstipations- (1/3 der Fälle), ein diarrhödominanter (1/3) und ein Mischtypus (1/3) unterschieden werden. Grundlage ist die Störung der Darmfunktion hinsichtlich seiner Motilität und/ oder Sekretion und/oder Wahrnehmung. Die bis dato noch nicht vollends geklärte Pathogenese und die variable Symptomatik verleiteten in der Vergangenheit dazu, das RDS in den Formenkreis der psychosomatischen Erkrankungen einzuordnen. Die Bezeichnung als funktionelle Erkrankung beruht hierbei auf dem mittels konventioneller Untersuchungstechniken fehlenden Nachweis organischer Korrelate als Genese für die vom Patienten angegebenen Symptome.

Heutzutage werden jedoch viele, das RDS begünstigende Faktoren diskutiert. Neben familiärer Häufung und genetischem Polymorphismus kommt das postinfektiöse RDS nach akuten bakteriellen oder viral Gastroenteritiden häufig vor. Patienten mit einem RDS haben meist eine viszerale Hypersensitivät, was sich in einer Symptomverschlechterung durch „Stress“ zeigt. Des Weiteren werden diverse mikroinflammatorische oder neuroimmunologische Prozesse diskutiert, die zu einer Störung des enteralen Immungleichgewichts führen.

Die Prognose des RDS ist ungünstig; nach sieben Jahren leiden 50 Prozent der RDS-Patienten weiterhin an gleichbleibenden Symptomen, 30 Prozent entwickeln eine Symptomverschiebung auf andere funktionelle Störungen (z. B. Reizmagen) und lediglich 20 Prozent werden beschwerdefrei. Mit Hilfe von speziellen Erhebungsbögen konnte in Studien gezeigt werden, dass die Lebensqualität von RDS Patienten im Vergleich zur Normalpopulation deutlich eingeschränkt ist. So wird die Lebensqualitätsminderung durch das RDS stärker empfunden als jene z. B. durch die gastroösophageale Refluxerkrankung und den Diabetes mellitus und wird nur übertroffen durch die rheumatoide Arthritis.

Im Rahmen der Diagnostik ist die Erfassung sogenannter „red flags“ (Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, kurze Anamnese, stetig zunehmende Beschwerden, u. a. auch nachts) wichtig, da sie Hinweise auf pathologische, spezifische Darmveränderungen (z. B. Darmkrebs) geben. Die Tabelle gibt eine Auswahl über die möglichen Differentialdiagnosen des RDS an.

Die diagnostische Abklärung erfordert, neben der ausführlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung, die Bestimmung von Routinelaborparametern und die Durchführung einer Abdomensonografie. Im Rahmen der Erstabklärung schließen sich eine Gastroduodenoskopie und eine Ileokoloskopie an, ergänzt durch zusätzliche histologische Untersuchungen von Schleimhautproben und Atemtests (Laktoseintoleranz, bakterielle Fehlbesiedelung). Kurzfristige unnötige Wiederholungsuntersuchungen sollten vermieden werden.

Therapeutisch kommen Allgemeinmaßnahmen wie z. B. die Identifizierung auslösender Situationen in Betracht. Die große Auswahl an Medikation orientiert sich an den im Vordergrund stehenden Beschwerden (z. B. Blähungen und Distension). Das Therapiekonzept ist hierbei individuell ausgerichtet und kann bei Patienten mit komplexen Symptomen oder schwerem Krankheitsverlauf die Kombination medikamentöser Ansätze sowie eine (zusätzliche) psychotherapeutische Intervention zudem diätetische Maßnahmen und eine gesunde Lebensführung aus. Einen großen therapeutischen Stellenwert nehmen zudem, entsprechend der letzten und zukünftigen Leitlinie, Probiotika und pflanzliche Präparate ein.

Wichtig ist, den betroffenen Patienten zu vermitteln, dass das RDS nicht mit einer erhöhten Mortalität assoziiert und letztendlich eine Ausschlussdiagnose ist.

Leitender Oberarzt

Dr. med. Florian Bert, FEBGH

Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hämato-Onkologie, Notfallmedizin

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