Stiftung Hospital zum Heiligen Geist

Stadt und Stiftung im Wandel der Zeit

Vortrag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Gebet den Armen im Hospital um Gottes Willen“ im Dommuseum am 7. März 2019. Die Ausstellung endete am 30. Juni.

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Das Hospital zum Heiligen Geist wird um das Jahr 1200 inmitten einer Welt des Aufbruchs gegründet. Und das auch buchstäblich - die Menschen machten sich auf den Weg. Sie pilgerten durch ganz Europa, bis nach Byzanz und weiter in das heilige Land. Sie reisten und handelten, mit Waren und mit Geld. Sie gründeten neue Orte und viele neue Städte, bebauten neu gewonnenes Land, sie bauten in einem wärmeren Klima ihre Feldfrüchte erfolgreicher und also mit höheren Erträgen an. Die Menschen wurden spürbar mehr und sie suchten ihr Glück und begegneten mehr als je zuvor einander und auch dem Fremden. Sie bauten die alten Städte weiter aus und sie errichteten in den Zentren der Orte Bauten aus Stein, die in früheren Zeiten den hohen Herren vorbehalten waren.

Wir sehen: Diese Welt um das Jahr 1200, die Welt des hohen Mittelalters, als das Hospital gegründet wurde, sie hatte mit der Welt des frühen Mittelalters, mit der Welt des großen Karl, nicht mehr viel zu tun.

Es gibt natürlich daneben auch starke Verbindungen, die erst um 1500 einreißen sollten – wie der noch kaum hinterfragbare, tiefe Glaube und die geographische Beschränkung auf die Welt des Mittelmeeres, die so schon seit Jahrhunderten bekannt war.

Dennoch: Das Neue zeigt sich um 1200 überall

Das Neue zeigt sich auch im scheinbar Alten. Hospitäler gab es schon etwas länger. Aber es ist eben etwas völlig anderes, wenn in einer Stadt wie Frankfurt um 1200 ein Hospital gegründet wird, als wenn das zu den antiken Zeiten der Kirchenväter geschehen war.

Auch „die Stadt“ wurde im 1200 nicht neu erfunden. Aber in der Geschichte des Hospitals und seiner Stiftung zeigt sich die neue Stadtgesellschaft in ihrem Wandel und in ihrem inneren und äußeren Wachstum.

Und es ist noch einmal etwas völlig anderes, wenn eine Stadtgesellschaft schließlich selber dynamisch wird und die wesentlichen Impulse also aus dem Inneren kommen. Wie es eben um 1200 geschah. Diese Stadtgesellschaft wird sich zudem – und damit schließt sich dieser Kreis – ihrer eigenen Dynamik bewusst. Es kommt zu einer zunächst sehr produktiven Konkurrenz der später dann so genannten Bürger um Sichtbarkeit und Anerkennung.

Eines der Mittel in diesem Kampf sind Stiftungen der Bürger für das Hospital. Unsere wichtigste Quelle dafür sind die Urkunden, in denen Einwohner Frankfurts seit dem 13. Jahrhundert Besitz an die Stiftung übertragen. Die Übertragungen erfüllten im Wachsen der Stadtgesellschaft einen mehrfachen Zweck. Wir zeigen die Ersterwähnung des Spitals im Jahr 1267.

Einerseits sollte der Besitz „für immer“ an die Stiftung übergehen und dadurch erhalten bleiben. Die Erträge des jeweiligen Besitzes waren für die frommen Werke der Stiftung bestimmt: für die Krankenpflege also und die Speisung der Armen.

Das war der zweite Sinn: gute Werke zu ermöglichen. Diese guten Werke dienten dem Seelenheil der Stifter. Wir zeigen in der Ausstellung eine sehr eindrucksvolle Figur des leidenden Jesus. War nicht Er selbst es, der Leiden für uns und wie wir auf sich nahm; uns zum Trost?

Das führt uns zum dritten, dem geistlichen Zweck der Stiftung des Hospitals. Gemeinsam beteten die Angehörigen und die aufgenommenen Patienten für die Stifter. Das Gebet flog zum Himmel, gefördert durch die irdischen Besitztümer. Hier wurde der Stiftung vererbtes Land zu anhaltendem Gebetsgedenken für die Stifter. Die Stiftung war ein mächtiges Vehikel, das die Wirkung frommer Gaben vermehren und überdauern konnte. In der Ausstellung zeigen wir einige Messkelche, welche die innere Verbindung von Hospital und Altar sinnfällig werden lassen.

Viertens dienten die Schenkungen dazu, die eigene Familie und ihre Angehörigen wo nötig auf Dauer angemessen zu versorgen. Wir sehen hieran auch, dass die Familien sich seit damals in ihrem Inneren mehr und mehr differenzierten. Jedes Mitglied hatte seine besondere Funktion. Die auf Dauer auf Hilfe Angewiesenen und die Bettlägerigen konnten in diesem Umfeld außerhalb der eigenen vier Wände besser versorgt werden. Eben im Hospital zum Heiligen Geist.

Und die Stiftung war ein Katalysator innerhalb der sich um 1200 ausformenden Stadtgesellschaft. Sie war wie ein Stück Hefe im Teig.

Die später wichtigsten Familien für die Stadt kamen gerade in diesen Zeiten auf, wurden erkennbar. Die frühe Ämterliste des Hospitals zum Heiligen Geist liest sich wie ein Auszug aus dem „Who is who?“ der mittelalterlichen Stadtgesellschaft. Immer wieder wird die Hospitalstiftung im Laufe der ersten Jahrhunderte geradezu als Instrument der städtischen Elite greifbar. – Auch eine Funktion der Hospitalstiftung: Einen Sammelpunkt und Kristallisationskern des neuen städtischen Selbstbewusstseins zu bieten.

Die Stiftung förderte die Sichtbarkeit der städtischen Elite. Sie war eine Art informeller Treffpunkt. Und mit dieser Funktion wird sie zu einem der Schlüsselinstitute der Stadt. Das, was sich später als das städtische Bürgertum bezeichnen lässt, hatte in der Stiftung eine mächtige Säule zur Verfügung, auf die es Einfluss und Bedeutung abstützen konnte. Aus einer ungetrennten Einheit differenzierten sich nach und nach die Funktionen der Stadt, dazu Administration, geistliche Ämter und überhaupt die Beziehungen zum König.

Zur Geschichte des Hospitals in Frankfurt gehört auch die für Frankfurt typische Lage: mitten in der Stadt

Der Frankfurter Heinrich Crig von Speyer stiftete 1315 auf dem Kirchhof des Spitals am Saalhof ein Haus zur Beherbergung der Elenden, vor allem von Fremden und Pilgern, die keinerlei Anschluss in der Stadt hatten. Über diese Gruppen hinaus sollten gänzlich Mittellose, denen es an allem fehlte, versorgt werden. Von Speyer hatte zuvor bereits eine Kapelle am neuen Platz des Hospitals gestiftet und damit den Grundstock des Krankenhauses als Ensemble von Gebäuden gelegt.

In der Ausstellung wird auf einem Stadtplan die enge, bedrängte Lage der Hospitals- und Kirchengebäude in der Nähe des Mains deutlich. „Verkehrsgünstige, urbane Lage“ würden moderne Immobilienmakler das wohl beschreiben. Dieser Platz lag buchstäblich mitten in der Stadt; umgeben von engen Fachwerkhäusern, den Metzgern, Fassbindern, weiter östlich mündete die Gasse in den alten Markt. Handel und Verkehr, Handwerk und viele Menschen, Lärm, Schmutz und Abfälle – das war die Umgebung des eng sich eindrängenden Spitals. Die Versorgung der Armen rückte damals nicht an die Peripherie; die Pflege der Kranken, das Sterben und der Tod, die angemessene Grablegung geschahen unter den Augen der städtischen Bevölkerung. Und damit auch unter den Augen der frommen Stifter aus der Stadt, die zum Gedeihen des Hospitals beitrugen. Und die ihr Seelenheil damit öffentlich gesichert sahen. Das war eben eine der Funktionen des Hospitals: Öffentlichkeit erzeugen, in einer Gesellschaft, die weder Differenzierung noch das Allgemeine – neben der Kirche – kannte. Mitten in der Stadt, sichtbar und daher öffentlich.

Bis zum Ende des Mittelalters zeigte sich etwas Weiteres im Hospital: der Individualismus. Die Insassen des Hospitals streiten sich. Sie akzeptieren nicht länger, was ihnen vorgegeben wurde. Und was ihnen vorgesetzt wurde. Der Kaplan Johann Peltzer wetterte sogar von der Kanzel der Spitalkirche herab gegen das schlechte Krankenhausessen. Die Siechen, also die Bettlägerigen, erhielten nur das einfachste Essen, so klagte er. „Drescherspeise“, wie der Herr Kaplan das nannte. Die Insassen waren anderes gewohnt: aus so einfachen Verhältnissen kam sicher niemand im Spital. Das Thema Essen und auch die Hygiene sollten Dauerbrenner werden, wie sich zeigt. In der Ausstellung finden sich Hinweise, etwa auf ein neues Geschirr und seine hygienischen Vorteile.

Übrigens drohte der besagte Kaplan Peltzer dem Spitalmeister – immer noch von dessen eigener Kanzel herab – sogar Schläge an und beschimpfte das Personal. Der Rat der Stadt vermittelte und verhinderte ein Eingreifen des Mainzer Bischofs. Das war die Hauptsache und auch das ist typisch für Frankfurt: Der Bischof als lachender Dritter, das musste nun absolut nicht sein.

Mit der Zeitenwende der Reformation erscheint die städtische Administration voll entwickelt.

Der Streit der Insassen des Hospitals führt bereits in die Welt der Frühen Neuzeit. Sie erheben, wie sich zeigt, neue Forderungen. Die städtische und die bürgerliche Autonomie haben sich da voll entwickelt: Eine in jeder Hinsicht neue Zeit kündigt sich an.

Lassen Sie mich noch kurz auf den sogenannten „Frankfurter Verfassungskonflikt“ eingehen. Eine Epoche unserer stolzen Geschichte, die die Ambivalenzen einer Freien Reichsstadt ungeschminkt aufzeigt. Es war schon als Freie Reichsstadt, nur dem Kaiser untertan – am schönsten aber, wenn der Kaiser weit weg und anderweitig sehr beschäftigt war. Das ging ja auch lange, lange gut.

Jetzt aber besann sich der Kaiser auf seine verbrieften Rechte und suchte sie anzuwenden, zu aktualisieren. Das war natürlich unerhört und so noch nicht dagewesen. Da hatten sie recht, unsere damaligen Stadtväter, das war neu.

Die Stiftung trifft das gewaltig. Vorbei das alte Ineinander von Stadt und Stiftung, vorbei der städtische Schlendrian.

Eine kaiserliche Untersuchungskommission stärkt 1712 die Autonomie der Stiftung gegen die Einflussnahme des Stadtrats, wie es der damaligen kaiserlichen Politik gegenüber Frankfurt entspricht.

Der Rat erkennt, in die Enge getrieben, gewisse Mängel in der Verwaltungsordnung an und 1725 wird eine neue Hospitalordnung eingeführt, die in 24 „Instructionen“ Aufgaben und Dienst des Spitals regelt.

Die Verwaltung wurde alles in allem rationaler, effektiver und effizienter, sie erreichte also das Gewünschte in einer angemessenen Zeit.

Auch das Hospital war im Laufe seiner Geschichte zu einer eigenen und festen Institution geworden, die nicht unabhängig von Kirche und Stadt, aber deutlich und erkennbar neben diesen Mächten bestehen konnte. Die farbenfrohen und bislang selten gezeigten Aquarelle in der Ausstellung verdeutlichen diesen voll ausgeprägten Status der Stiftung.

Damals musste die Stiftung zwischen Kirche und städtischer Obrigkeit jonglieren und heute einen neuen professionellen Ausgleich zwischen mildtätigen Aufgaben und sozusagen betriebswirtschaftlichen Anforderungen finden.

Ausstellung zur 750-jährigen Geschichte der Stiftung im Dommuseum Frankfurt

Mit einer feierlichen Veranstaltung wurde die Ausstellung „Gebet den Armen im Hospital um Gottes Willen” im Dommuseum am 7. März 2019 mit rund 200 Gästen eröffnet.

Anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist zeigte die Ausstellung bis zum 30. Juni 2019 im Frankfurter Dommuseum die Geschichte der Stiftung im Wandel der Zeiten und stellte ihre Wechselwirkung mit der Entwicklung der Stadt Frankfurt dar. Zu sehen waren Reproduktionen von Urkunden, Aquarelle des alten Hospitals, Gefäße der Liturgie und andere wertvolle Objekte – darunter die Opferstocktafel aus dem frühen 18. Jahrhundert, deren Inschrift der Ausstellung den Namen gab: Gebet den Armen im Hospital um Gottes Willen.