Hospital zum Heiligen Geist

Probleme mit der männlichen Identifikation in der modernen Zeit - Psychosomatische Auswirkungen

Die Rolle des Mannes in der modernen Zeit: Welche Veränderungen haben sich abgespielt? Die Erwartungshaltung hat sich erheblich verändert: „Männer sehen sich oft überhöhten Ansprüchen gegenüber. Sie sollen alles sein: erfolgreich im Beruf, gefühlvoller und konfliktfähiger Partner und fürsorglicher Vater“, sagt Matthias Franz. Er ist Professor am Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er vertritt die Meinung, dass Männern in der heutigen Zeit wichtige Hilfen für die Identifikation zur gesunden männlichen Identität fehlen.

Dr. med. Wolfgang Merkle

Aufgrund pränataler hormoneller Einflüsse gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Diese würden in den Erziehungsbedingungen der Jungen nicht genug berücksichtigt. Zum Beispiel gebe es:

eine Neigung der Eltern, in ihren Söhnen jungenhaftes Verhalten als aggressiv und destruktiv zu tabuisieren (ideologisch fixierte Tendenz): kein Raufen, Ringen, Wettbewerb, Indianer-Trapper-Spiele, kein Schwert und keine Waffe

in der Gesellschaft heute immer weniger Gelegenheit, die männliche Identität und damit auch ihre männliche Selbstbehauptung und ihre aggressiven Strebungen zu entwickeln und zu kultivieren

keine Gegenwart des Vaters; der Mann sei nur ein gefürchtetes, sadistisches Wesen, das es zu entwerten gilt

Im Kindergarten seien dann nur Erzieherinnen; dies wiederhole sich in der Grundschule, selbst im Gymnasium; auch bei der Psychotherapie finden sich dann fast nur Frauen. Die Tatsache, dass bei Trennung der Eltern meist die Mütter den alleinerziehenden Part in unserer Gesellschaft übernehmen, führe zu Schwierigkeiten für die Jungs, ein unmittelbares Vorbild für die männliche Identifikation zu haben. Der Anteil der in Einelternfamilien aufwachsenden Kinder hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten auf knapp 20 Prozent verdreifacht.

In der Klinik beobachten wir die Schwierigkeiten in der männlichen Identifikation, die dann zu psychosomatischen, sexuellen und somatoformen Störungen führen können. Das reicht von Rückzug, Depression, Leistungsverweigerung, phobischem Vermeiden bis zu psychosomatischen Beschwerden wie Rückenschmerzen, Magen-Darm-Störungen, Sexualstörungen oder dem vegetativen Urogenitalsyndrom, das heute als nichtentzündliche Form des chronischen Beckenschmerzsyndroms bezeichnet wird. Die Problematik in der Beziehungsaufnahme, insbesondere in der intimen sexuellen Begegnung, versteckt sich häufig hinter diesen psychosomatischen Beschwerden.

In der modernen Gesellschaft ist die Reifung zum erwachsenen Mann durch langes Studium, verzögerte Abnabelung aus dem Elternhaus und den langsamen Umgang mit Verantwortung erheblich verzögert. Das Idealselbst ist in der unerbittlichen Leistungsgesellschaft erhöht. Es werden unerreichbare Ziele als Abwehr der Trauer um die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten gesteckt – mit entsprechendem Verlust von Verantwortung und Festlegung.

Das Fehlen von wirklichen Herausforderungen, Mutproben, Abenteuern (Reisen, fremde, von Eltern nicht betretene Länder; wirtschaftliche Sicherheit ist Selbstverständlichkeit) verunmöglicht das Austesten der eigenen Grenzen; der Umgang mit Aggression wird eher entwertet.

Es findet kaum noch eine Korrektur der ödipalen Größenphantasie durch einen heimlichen Pakt mit der Mutter statt, was in dieser Überforderung dann zu einem Vermeiden von Rivalität und Wettkampf im Alltag führt. Wir finden bei diesen Patienten häufig eine Intellektualisierung zur Abwehr der Angst vor der Aggression oder ihren Folgen.

Besonders häufig finden wir in den letzten Jahren ein neues Phänomen dieser Schwierigkeit: in die Rolle des Mannes und dann auch des Vaters hineinzuwachsen.

Die perinatale Depression des Mannes

Es kommt bei diesen Patienten nach oder schon vor der Geburt eines Kindes zu einer Depression, die so ausgeprägt sein kann, dass eine Krankenhausbehandlung notwendig wird. Wie kann man sich dieses Phänomen erklären?

Ursprünglich hatte bei Freud der Vater in der frühen Kindheit keine weitreichende Bedeutung. Er trat vor allem im Rahmen des ödipalen Konflikts als Strukturgeber und dann als Identifikationsobjekt für den kleinen Jungen auf. Heute finden wir häufiger ein Einlassen der Väter auf die frühkindliche (prägenitale) Welt.

„Wer sich auf ein Kind einlässt, findet sich auf dem Boden wieder. Er gibt eine Position auf, die er selbst erst im Laufe seines Lebens erlangt hat.“ (H.-G. Metzger)

Primärhafte Prozesse und archaische Affekte treten in den Vordergrund:

Vater (und Mutter) müssen sich einer partiellen Regression überlassen und gleichzeitig Erwachsene bleiben

Spannung zwischen äußerer Realität und kindlicher Welt

In-Berührung-Kommen mit dem eigenen frühkindlichen Erleben und Ängsten  

Infragestellung des eigenen Triangulierungsprozesses und Verlieren in der Dyade mit dem Kind

regressive Überidentifikation mit dem Baby

Verlieren in der kindlichen Welt

Rivalität um die Versorgung durch die Mutter

wenig gefestigte männliche Identität bedingt durch fehlende Lösung von der präödipalen Mutter und nicht gelingende Identifikation mit dem Vater

Wichtig ist die eigene Beziehung zum Vater und, ob er als hilfreiches Objekt zur Verfügung stand; ansonsten kann ein inneres Bild der eigenen, übermächtigen Mutter den Jungen behindern (siehe Metzger).

Es kann durch diese Konstellation bei mangelnder Reife des Mannes zu einer Deregulierung im Selbstwertgefühl, dem zunehmenden Gefühl der Wert- und Wirkungslosigkeit und entsprechender depressiver Verstimmung kommen. Durch die Schwierigkeit im Triangulierungsprozess kann der Mann dies nicht durch das Gefühl der Identifizierung mit der Beteiligung am Versorgen und der Freude am Wachstum des Kindes ausgleichen und tritt mit einer eigenen Regression und depressivem Rückzug selbst in die Position des bedürftigen Kindes. Hierbei handelt es sich natürlich meist um einen unbewussten Vorgang, der in der psychosomatischen Behandlung erst behutsam bewusst gemacht und gedeutet werden kann. Die Tatsache, dass Männer schwerer für eine psychosomatische Behandlung zu gewinnen und weniger dafür zugänglich sind, bedarf weiterer Untersuchung.

Franz hat darauf hingewiesen, dass möglicherweise unsere psychotherapeutischen Angebote (zum Beispiel stationärer Krankenhausaufenthalt) dem „männlichen“ Modus nicht entsprechen. Wir sollten vielmehr beginnen, unsere Angebote zur psychosomatischen Behandlung mehr an die Zugänglichkeit der Männer anzupassen. Wir haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Seit wir das Angebot einer Tagesklinik in größerem Umfang haben, bemerken wir, dass dieses Angebot mit der reduzierten Aufgabe des Alltagslebens vielen Männern mehr entgegenkommt und entspricht als das vollstationäre Angebot.

In den nächsten Jahren wird es sicher die Aufgabe in der „Männermedizin“ sein, die kranken Männer an der Stelle abzuholen, an der sie mit ihrer Identifizierung stehen, um ihre Compliance nachhaltig erhöhen und medizinische Irrwege vermeiden zu können.

Chefarzt

Dr. med. Wolfgang Merkle

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