Krankenhaus Nordwest

Immuntherapie – Neue Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs

Der Wunsch, das Immunsystem in die Abwehr von Krebserkrankungen einzubeziehen ist sehr alt. Bereits vor 100 Jahren wurden Versuche unternommen, Patienten mit bestimmten Bindegewebstumoren einer bakterieninduzierten Fiebertherapie zu unterziehen. In Einzelfällen hat man im Zusammenhang mit der Abwehr der bakteriellen Infektion eine Größenabnahme der vorhandenen Tumoren beobachten können. Anschließende Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass die Gewebshormone Zytokine, die für die bakterielle Infektabwehr produziert werden, in gewissem Umfang auch Tumorzellen bekämpfen können. Weitere Beobachtungen beziehen sich auf Tumorrückbildungen im Zusammenhang mit Virusinfektionen.

Prof. Dr. med. Elke Jäger

Der zugrundeliegende Mechanismus scheint auf einer gezielten Abwehr virusinfizierter Zellen, auch der Tumorzellen, zu beruhen. Insgesamt sind Strategien der generalisierten Infektion als therapeutisches Konzept jedoch zu riskant und nicht als Standardtherapie etablierbar.

Wissenschaftliche Forschungsarbeiten der letzten drei Jahrzehnte haben wichtige Mechanismen der immunologischen Abwehr von Tumorzellen in Parallelität zur Infektabwehr aufgeklärt. So kennt man heute verschiedene Elemente des Immunsystems, die für die direkte Abtötung von Tumorzellen zur Verfügung stehen bzw. eine solche Abwehrreaktion unterstützen und aufrechterhalten können. Für die Regulation der antitumoralen Immunreaktion sind zahlreiche Signalwege verantwortlich. Besonders die Identifikation von Schaltmechanismen der Signalwege, sogenannten Check-Points, hat die Voraussetzung für die Entwicklung neuer wirksamer Therapeutika für das Immunsystem geschaffen. Bestimmte Medikamentgruppen blockieren Abschaltmechanismen der körpereigenen Abwehrzellen, die normalerweise nach erfolgreicher Abwehrfunktion zum Tragen kommen und für eine Beendigung der Immunreaktion sorgen. Die dauerhafte Blockade des Abschaltmechanismus führt zu einer Fortdauer der Abwehrreaktion. Klinisch konnten gute Tumorrückbildungsergebnisse und lang anhaltende stabile Verläufe durch eine solche Therapie beobachtet werden. Weitere Therapiemechanismen beziehen sich auf die Beeinflussung von Faktoren, die von Tumorzellen zur gezielten Blockade der Immunreaktion gebildet werden. Besonders Tumoren mit vielen „Rechtschreibfehlern“, sogenannten Mutationen der Tumorzell-Erbinformation, sprechen gut auf die neuen immunologischen Therapieformen an. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass das körpereigene Immunsystem selbstständig mit Abwehrreaktionen auf mutierte Zellen bei der Tumorentstehung reagiert. Durch die Unterstützung der Check-Point-Inhibitoren gelingt es, die spontane Immunantwort in eine therapeutisch wirksame Abwehrreaktion zu steigern. Auch hier sind es neu entwickelte Antikörper, die die Immunsystem-unterdrückenden Signalwege zwischen Tumor und Abwehrzelle blockieren und so einer Störung der Immunreaktion durch die Tumorzelle entgegenwirken.

Im übergeordneten Sinne befähigen die sogenannten Check-Point-Inhibitoren das körpereigene Immunsystem zur verstärkten und verlängerten Funktion. Es werden bereits vorhandene Abwehrressourcen genutzt und durch bestimmte therapeutische Interventionen gestärkt. In diesem Sinne wird kein direkt tumorzellwachstumshemmendes Medikament benutzt, sondern die körpereigene Abwehrkraft gestärkt.

Eine wichtige Aufgabe besteht darin, Patientengruppen zu identifizieren, die besonders gut auf die neuen Substanzen reagieren. Hierzu wurden sogenannte Biomarkerprofile identifiziert, die als Selektionskriterien genutzt werden können. So soll erreicht werden, dass über eine möglichst individualisierte Therapieentscheidung optimale Behandlungsergebnisse für Patienten mit bestimmten Merkmalsprofilen erzielt werden können.

Weitere immunologische Behandlungsmöglichkeiten stehen in Form einer Tumorimpfung zur Verfügung. Hier werden Tumorzellmerkmale genutzt, die zur Stimulation des Immunsystems gezielt eingesetzt werden, vergleichbar mit einer Impfung gegen Infektionserkrankungen.

Sogenannte tumorspezifische Impfungen können zu lang anhaltenden Immunantworten führen, auf deren Basis eine dauerhafte Wachstumskontrolle bestimmter Tumorerkrankungen erreicht wird. Die Analyse von Patienten mit einem dauerhaften klinischen Nutzen einer Impftherapie hat gezeigt, dass der Effekt auf der Aufrechterhaltung eines immunologischen Gleichgewichtes zwischen vorhandener, aber nicht wachsender Tumorerkrankung und einer langfristig funktionierenden Immunreaktion gegen tumoreigene Merkmale, sogenannte Antigene, beruht. Beendet man die Immunisierung, kommt es zum Tumorwachstum durch eine nachlassende Immunreaktion. Möglicherweise wird die Kombination von tumorspezifischen Impfungen mit Check-Point-Inhibitoren zu einer Verstärkung der Impfantwort führen können. Im experimentellen Kontext werden hier Untersuchungen für bestimmte Tumorerkrankungen, z. B. dem Melanom und dem Nierenzellkarzinom, angeboten.

Weiterentwicklungen betreffen den Einsatz genetisch veränderter Abwehrzellen, die durch den Einbau eines speziellen Rezeptors so verändert wurden, dass sie Tumorzellen mit einem definierten Merkmal sehr wirksam aufsuchen und isoliert abtöten können. Besondere Einsatzgebiete für diese spezialisierte Methode sind hämatologische Erkrankungen, Krankheiten des Zentralnervensystems und der Haut.

Die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Einbeziehung des Immunsystems eine hohe therapeutische Bedeutung in der Behandlung von Tumorerkrankungen hat. Neuere Untersuchungen beziehen sich auf die Kombination immunologischer Behandlungsmöglichkeiten mit Chemotherapeutika und strahlentherapeutischen Behandlungsverfahren. Es wird erwartet, dass Tumorerkrankungen verschiedener Art in naher Zukunft in wesentlich höherem Maße lang anhaltend kontrollierbar werden und im Sinne einer chronischen Erkrankung eine langfristige Überlebensperspektive haben.

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